Kinder wollen landen

Eine Szene an einem Sonntagnachmittag. Ein Paar sitzt mit der 6 jährigen Tochter Sophie in einem Ausflugslokal. Nach dem Essen geht Sophie zum kleinen Spielplatz des Lokals in Sichtweite.

Die Eltern haben „endlich“ Zeit, einen schon länger schwelenden Konflikt wegen der nächsten Urlaubsreise zu erörtern. Es wird etwas hitzig, zu viele Missverständnisse und unterschiedliche Wünsche…

Nach einigen Minuten kommt Sophie angerannt, um Ihren Eltern stolz ein Matchbox-Auto zu zeigen, dass sie im Sand ausgebuddelt hat. Beide Eltern schenken ihr jedoch keine Aufmerksamkeit, worauf sie zunehmend quengelt, gehört zu werden und ihren Fund zeigen zu können.

Da die Eltern in ihrem Streit gefangen sind, schlägt Sophie wütend mit dem Auto auf den Tisch. Eine Flasche fällt um und ein Glas und ein Teller gehen zu Bruch.

Die Mutter schreit Sophie an, diese rennt weinend davon, gefolgt von ihrem Vater.

Im Flugzug unterwegs…

Eine weitere Szene: Ein Flugzeug mit 180 Passagieren ist von einem Flughafen aus einer Urlaubsinsel im Mittelmeer kommend im Landeanflug auf einen deutschen Flughafen.

Da kommt die Mitteilung vom Tower, die Pilotin müsse noch in die Warteschleife (Holding). Das ist eine fest gelegte Warte-Route an den Flughäfen mit zwei Halbkreisen und Geradeausflug dazwischen, um die ankommenden Flugzeuge bei Bedarf staffeln zu können.

Gründe können zu hohes Verkehrsaufkommen, blockierte Landebahnen oder ungünstige Wetterverhältnisse sein.

Bei „unserem“ Flieger gab es aufgrund starken Gegenwindes einen erhöhten Treibstoffverbrauch, und die Zeit in der Warteschleife dehnt sich ins „gefühlt unendlich“. Der Treibstoff wird langsam knapp. Die PilotInnen und Kabinencrew befällt langsam stärkere Nervosität, und auch die Passagiere werden unruhig. Ein Angstpatientin beginnt zu weinen…

Endlich dann kommt das Go des Towers, der die Maschine aufgrund des kommunizierten Treibstoffmangels in der Warteliste vorzieht, und sie kann zur Landung ansetzen. Die Pilotin informiert Crew und Passagiere und alle können sich wieder spürbar entspannen. Nach der Landung klatschen viele begeistert.

Was haben beide Szenen miteinander zu tun?

Auch Kinder wollen landen und nicht angespannt warten. Je nach Alter ist „warten müssen“ für sie eine fast nicht zu leistende Zumutung. Gleichzeitig müssen sie lernen zu warten, zum Beispiel nicht in jedes Gespräch hinein platzen zu dürfen.

In unserem Beispiel wäre es hilfreich gewesen, Sophie für einen kurzen Moment Aufmerksamkeit zu geben, etwa indem ein Elternteil ihr die Hand auf die Schulter legt, oder sie auf den Schoß nimmt und sagt: „Gleich Sophie, wird sprechen noch miteinander, dann bist du gleich dran“. Und nach einer zumutbaren Zeit, das Konfliktgespräch kurz zu unterbrechen und sich mit voller Konzentration Sophies Fund zuzuwenden und ihn zu würdigen. „Was für ein tolles Auto? Hast du so eins schon? Kann es sein, dass da noch mehr im Sand liegen…“

Nach 2 oder 3 Minuten wäre Sophie zufrieden, gelandet zu sein und wieder auf dem Weg zum Spielplatz, um nach weiteren Autos zu suchen und die Eltern könnten ohne zerbrochenes Glas weiter über ihren Urlaub streiten.

Der berühmte amerikanische Kinderpsychiater Bruno Bettelheim, bekannt geworden etwa durch sein Buch „Kinder brauchen Märchen“, berichtete von einem ähnlichen Beispiel. Eltern sollen nicht perfekt sein, sondern nur „good enough“. Nicht perfekt, sondern gut genug. Das reicht völlig aus.

Er beschreibt eine Szene, in der zwei Mütter miteinander sprechen und ein Kind kommt mit seinem Anliegen dazu. Ohne das Gespräch zu unterbrechen, nahm die Mutter das Kind bei der Hand, sagte kurz „gleich bist du dran“. Das Kind konnte so warten, bis die Mütter ihren Gedankengang unterbrechen und sich dem Kind zu wenden konnten.

Es kommt bei der Erziehung meines Erachtens auf die sicher nicht leichte Balance von „Fördern und Frustrieren“ an, wie Freud es nannte.
Fördern, um den Kindern gute Möglichkeiten des Aufwachsens zu bieten.

Frustrieren,um zu zeigen, dass es Grenzen und Widerstände im Leben gibt. Es fliegen uns nicht lebenslang die gebratenen Tauben in den Mund oder die Veggie-Burger.

Ohne ein gewisses Maß an Frustrationstoleranz werden wir im Leben überall anecken. Und auch nicht Kräfte und Energien sammeln, um sie auf ein angestrebtes Ziel zu fokussieren.

Jetzt und sofort als Sucht

Die Haltung, „ich will und kriege, jetzt und sofort“ ist ein Suchthaltung.

Die Suchtforschung spricht davon, dass viele Süchtige eben nicht nur aus zerrütteten Familienverhältnissen kommen, sondern auch aus überbehüteten und verwöhnenden Familien, wo den Kindern alle Schwierigkeiten mit Geld oder Überfürsorglichkeit („Helikoptereltern“) aus dem Weg geräumt wurden. Als Erwachsene werden sich diese Kinder wundern, dass das Leben doch anders läuft als zuhause. Manche Suchtkarriere fand hier ihren Beginn.

Ein weiteres Beispiel aus einem meiner Kurse im Autogenen Training: Ein Vater berichtete davon, dass er nach seiner sehr anstrengenden und fordernden Arbeit nach Hause kommt und es regelmäßig „Stress“ mit der Familie gibt.

Er möchte runterkommen, seine Frau möchte vom Tag erzählen, und die Kinder ebenfalls und wollen sofort mit ihm spielen.

Wir haben dann miteinander erarbeitet, dass er sich vor Betreten des Hauses kurz besinnt und sich dann für seine Familie begrenzt Zeit nimmt. Dass sie (kurz) landen können.

Seine Frau kann ihm das Wichtigste vom Tag mitteilen, die Kinder ihre mit Lego gebauten Landschaften zeigen und mit ihm absprechen, wie sie bald zusammen weiterbauen wollen.

Diese 10 – 15 Minuten mit der Familie reichen aus, dass er sich danach für seine Regulation ungestört zurückziehen kann. 30 Minuten reichen ihm aus und so lange kann die Familie (meist) warten.

4 Wochen später zum Kursende berichtete er mir, die Streitereien seinen nicht völlig verschwunden, aber deutlich weniger geworden.

Welche Erfahrungen haben Sie mit diesem Thema „warten können“ und „landen“ gemacht?

Fällt es Ihnen selbst leicht zu warten, bis Sie Aufmerksamkeit erhalten?

Oder sind Sie auch schnell nervös und „quengeln“?

Haben Sie andere Lösungen für vergleichbare Situationen gefunden?

 

Wie immer freue ich mich über Ihre und Eure Rückmeldungen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

* Die DSGVO-Checkbox unten ist ein Pflichtfeld

*

Ich stimme der Speicherung der genannten Daten zu gemäß DSGVO (Datenschutzgrundverordnung)