Abschied, der zweite… Nach der Beisetzung geht es oft um die Auflösung eines großen Haushaltes

Der erste Abschied von einem geliebten Verstorbenen, die Beisetzung des Sarges oder Urne geht relativ schnell. Der Termin für eine Trauerfeier und eine Bestattung ist in der Regel nach ein oder zwei Wochen festgesetzt. Die Trauer endet damit natürlich nicht.

Danach kommt dann aber für die Hinterbliebenen oft der zweite Abschied, wenn der/die Verstorbene zuletzt allein in der Wohnung oder im Haus gelebt hat.

Dieser zweite Abschied kann viele Wochen und Monate dauern und auch emotinal recht aufwühlend sein. Bei einer gemieteten Wohnung möchte der Vermieter bald wieder vermieten und Sie selbst nicht unnötig lange Miete für eine nicht bewohnte Wohnung zahlen.

Aber auch bei einem eigenen -möglicherweise jetzt geerbten – Haus oder einer Wohnung soll der Wohnraum ja bald wieder in irgendeiner Form genutzt werden.

Also was tun mit all den übrig gebliebenen Dingen, dem Nachlass?

Ich denke es sind dabei zwei Eckpunkte hilfreich:

  • Sich Zeit zu lassen und
  • gleichzeitig einen Termin für eine leer geräumte Wohnung oder Haus zu setzen. Eine Frist konzentriert die Energie und verhindert ein endloses Räumen.

Es scheint mir ungünstig, in der aufgewühlten Trauerzeit in eines der beiden Extreme zu verfallen, nämlich Alles behalten oder alles sofort wegwerfen zu wollen.

Direkt nach Tod sind wir emotional sehr gebunden und es besteht die Gefahr, zuviel aufzuheben. Vielleicht sind Sie auch beruflich und familiär sehr eingespannt und haben deshalb keine Zeit zum gründlichen Sichten und entscheiden sich dann für einen radikalen Schnitt und werfen komplett alles weg („Tabula rasa“, alles muss raus!).  Und bereuen das später vielleicht…

Die Trauer ist beim Räumen die meiste Zeit spürbar. Etwa beim Durchschauen alter Bilderalben, Kleiderschränke oder Kellerkisten, wo Sie mit möglicherweise Kinderspielzeug von früher finden und mit verschiedenen anderen Erinnerungen aus dem eigenen Aufwachsen konfrontiert werden.

Deshalb als erster Tipp:

Wenn Sie mit dem Aussortieren beginnen, gehen Sie durch die einzelnen Räume und entscheiden Sie, was Sie auf jeden Fall behalten möchten. Zu welchen Dingen spüren Sie eine starke emotionale Verbindung. TeilnehmerInnen aus meinen Trauerseminaren oder Einzelsitzungen berichteten von den verschiedensten Dingen, die sie unbedingt behalten wollten:

  • Der alte Lieblingsteddy aus der Kellerkiste
  • die goldene Uhr des Vaters
  • ein Kleidungsstück der Mutter, dem noch der Geruch bzw. das Parfum der Verstorbenen anhaftete
  • der Lieblingsstuhl der Oma
  • ein persönlich angefertigtes Handwerks-Stück des Opas
  • ein besonderes Geschenk, das eine Teilnehmerin dem verstorbenen Vater vor vielen Jahren einmal gemacht hatte
  • die Kiste mit den Legos und den Matchbox-Autos von früher, die seitdem auf dem Dachboden lagen.

Die japanische Räumfachfrau Marie Kondo spricht in diesem Zusammenhang von „kalten und warmen Gefühlen“ und empfiehlt bei jedem Gegenstand die Frage an sich selbst: „Macht es glücklich?“.

 

Aber auch ganz nüchterne Aspekte sind jetzt wichtig: Was brauche ich jetzt dringend, etwa für die Rente des anderen Elternteils im Heim zu beantragen oder wichtige Papiere für Erbauseinandersetzungen mit Geschwistern, anderen Erben oder Notar und Amtsgericht.

Den Gedanken: „Das können wir vielleicht noch einmal brauchen“ sollten Sie dagegen eher beiseite schieben. Ohne eine ganz konkretes Vorhaben für einen bestimmten Gegenstand führt das eher zu unötigem Balast in Ihrem Keller oder Garage, weil Sie es eben mit großer Wahrscheinlichkeit „doch nicht mehr brauchen werden“.

Und entscheiden Sie im zweiten Schritt, was auf jeden Fall weg kann oder muss. Weil Sie es nie gemocht haben, es nicht verwenden können, weil Sie keinen Platz dafür haben oder auch sonst niemand mehr haben möchte, wie etwa die „Gelsenkirchener-Barock-Schrankwand“ aus den frühen 70ern oder die baufällige Einbauküche.

Viele Hinterbliebenen, die jetzt vor dieser Problematik stehen, haben ihre eigenen Familien gegründet und verfügen über eigene Hausstand, in denen alles bereits -oft sogar mehrfach- vorhanden ist. Das trifft auf die -jetzt zu räumenden- Haushalte der Kriegs- und Nachkriegsgeneration, die kaum etwas wegwerfen konnten, weil Hunger und materieller Mangel und Verlust tief in der Biografie verankert wurden und diese Haltung oft auch in der Erziehung auf die Kinder übertragen wurde.
So lässt sich dann nicht vieles in den eigenen Haushalt übernehmen. Sie werden viele Sachen entsorgren müssen. Manches davon wird selbst in SecondHand-Läden kaum noch verkäuflich sein.

Für die ganzen unentschiedenen Dinge zwischen den kleinen Erinnerungsheiligtümern und den klaren Entsorgungssachen können Sie

  • entweder alles mitnehmen, wenn Sie den Platz haben und erst später aussortieren und weggeben.
  • oder einen guten Freund, eine gute Freundin mitnehmen, der/die nicht emotional so nah dran ist und mitentscheidet, was für Sie vielleicht noch einmal emotional wertvoll sein kann oder einfach von Ihnen praktisch benutzt werden kann. Wie etwa eine wertvolle Werkbank mit vielen Werkzeugen und Zubehör.

Wir haben ja – wie oben erwähnt- meist schon alles in unseren eigenen Haushalten und nur begrenzt Platz. „Das könnte man noch mal brauchen“, trifft oft nicht ein.

Wenn Sie jetzt vieles weggeben, wird das vermutlich auch mit viel Trauer und auch zwiespältigen Gefühlen verbunden sein. Fragen, wie „darf ich dies Sachen, für die meine Eltern oder Großeltern lange gespart und in denen sie lange gelebt haben, einfach weggeben“. Oder „werde ich damit ihnen gegenüber untreu?“. Gaben sie uns vielleicht ein Vermächtnis, bestimmte Gegenstände zu behalten und besonders „in Ehren“ zu halten?

Allerdings….einen emotionslosen leichten Abschied gibt es nur selten!!

Zum Abschied gehört immer auch Loslassen. Wortgeschichtlich kommt Abschied davon, das Schwert aus der Scheide ziehen und etwas zu durchtrennen. Und in diesem Fall lösen Sie auch Ihr weiteres Leben von dem des Verstorbenen. Auch für die Begleitung dieser Gefühle kann es gut sein, den/die PartnerIn oder eine/n Freund oder Freundin dabei zu haben.

Die Journalistin Ursula Ott berichtet in Ihrem Buch „Das Haus meiner Eltern hat viele Räume – Vom Loslassen, Ausräumen und Bewahren“ von speziellen Dinge, die beim Verkauf noch „etwas bringen können“. Sie nennt zum Beispiel alten Christbaumschmuck, der auf eine Anzeige hin viele Interessierte fand. Oder eine Klientin berichtete, daß der Verkauf der Sammlung der Holzschnitzwerkzeuge Ihres Vaters eine stattliche Summe ergab.

Wenn Sie sich sicher sind dass es nicht nötig ist, die Sachen der/s Verstorbenen durchzusehen, können Sie Wohlfahrtsorganisationen wie die Caritas oder die Diakonie beauftragen, das Haus oder die Wohnung zu räumen und gefundene Wertsachen mit dem Honorar zu verrechnen oder Ihnen zu übergeben. Seriöse Unternehmen machen das und bieten einen Festpreis für alles an. Und verrechnen dann mit den verwertbaren Gegenständen.

Der Keller ist schon fast leer…

Für viele Trauernde ist es tröstend zu wissen, dass die Gegenstände der Verstorbenen noch für andere verwertbar sind.

Ich selbst musste nach dem Tod meines Vaters und der dann notwendigen Unterbringung meiner dementen Mutter in einem Heim ein voll geräumtes Haus mit ca. 160 qm Fläche ausräumen, um es bald zu vermieten, bzw. später doch zu verkaufen. Viele Wochen lang habe ich Schränke und Unterlagen durchsucht und aussortiert. Zum einen musste ich für meine Mutter die Witwenrente beantragen, als Betreuer Vermögensangaben für das Amtsgericht erstellen und viele Verträge ändern oder kündigen.

Aber ich mußte auch alles durchschauen, da meine Mutter in ihrer Demenz begonnen hatte, Wertgegenstände, Geld und Schmuck überall zu verstecken. Der Familenschmuck zum Beispiel fand sich letztlich inmitten ihrer Handarbeitssachen wieder. Familie und Freunde halfen viele Stunden mit.

In diesem Haus bin ich von 9 -19 aufgewachsen bin und darin haben meine Eltern nach Umzügen ihre letzten 23 Jahre wieder selbst gewohnt und ich habe sie mit meiner Familie oft doch besucht.

Die tägliche Auseinandersetzung mit den Dingen meiner Eltern war eine gute Möglichkeiten, loszulassen, zu trauern, zu sortieren, mich an mein Aufwachsen, an Pubertät und die „erste große Liebe“ oder auch viel Streit mit meinem machmal recht cholerischen Vater zu erinnern. Für meine eigene Trauerarbeit waren diese vielen Wochen des „Wühlens“ sehr hilfreich, mein Elternhaus und den verstorbenen Vater loszulassen.

Und das Räumen kann auch berührende Momente haben. So fand ich Liebesbriefe meiner Eltern aus der Zeit ihres Kennenlernens bald nach dem 2. Weltkrieg. Darin zeigte sich mein Vater von einer Sanftheit und Feinfühligkeit, die er mir gegenüber so gut wie nie zeigen konnte oder mochte.

Ein Haus oder eine Wohnung zu entrümpeln zeigt die Endgültigkeit des Todes auf.

Es ist eine ähnliche Endgültigkeit, wie wenn Paare nach mehreren Jahren Trennung bei der offiziellen Scheidung noch einmal in die alte Dynamik der Beziehung mit alten Streitereien reinrutschen. Das geschieht ja auch oft beim Verkauf eines Hauses oder der Aufteilung des Erbes bei der Testamentvollstreckung.

Von den vielen Ordnern mit persönlichen Dingen meiner Eltern wie Gerichtsverfahren, Rentenbelegen oder beruflichen Unterlagen, die ich behalten habe, bzw. behalten musste, konnte ich mich nach ca, 7 Jahren in einer großen Sortieraktion dann auch endgültig trennen. Da war der emotionale Abstand groß genug, die Trauer nur noch gelegentlich spürbar. Die emotionale Bindung zu den Eltern und den Dingen war inzwischen deutlich stärker verblasst, die Erinnerungen bleiben.

Auch die große – akribisch geführte – Fotoalbensammlung meiner Eltern, die sich von ca. 1940 bis 2010 über 70 Jahre erstreckte, wurde spürbar auf deutlich weniger Alben reduziert;

vor allem die aktuelleren Bände, in denen ich mit meiner Frau und meinen Töchtern als Familie auftauche oder besondere Erinnenungen an meine Eltern, etwa aus der Zeit ihres Kennenlernes enthalten.

Nach dem Tod des letzten Elternteils sind wir nun auch formal aus der Kindesrolle raus,. wir sind die nächsten. Die Einschläge kommen näher. Wir waren in unserer Familie in nicht einmal 8 Monaten alleine auf drei Beisetzungen von Bekannten bis zu einer sehr engen Freundin. Alle Verstorbenen waren erst zwischen 50 und 62 Jahren alt.

Die Beschäftigung mit dem eigenen Tod, mit Testament, Grabstätte und Betreungsvermögen steht uns allen ab einem bestimmten Alter bevor. Und auch die regelmäßige Prüfung in allen Ecken unseres Hauses oder Wohnung vom Dach bis zum Keller, welche Möbel und welche gesammelten Gegenstände wir aktuell wirklich noch brauchen.

„Abschiedlich leben“ ist hier das Stichwort! Das kommt unweigerlich auf jeden Menschen zu.

Ich freue mich wieder, von Ihnen zu hören! Welche Erfahrungen haben Sie mit diesem Thema gemacht:

  • Fiel Ihnen das Ausräumen der Wohnung oder des Hauses eines Verstorbenen leicht?
  • Haben Sie vielleicht vorschnell zuviel entsorgt und es hinterher bereut?
  • Gab es besondere persönliche Erinnerungsstücke, die Sie für sich behalten haben?
  • Welche Tipps möchten Sie vielleicht an andere weitergeben?

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alle Fotos: Winfried Wershofen.

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